Gründe für den Seelenstriptease
13.April 2008 at 7:11 | In Nicht kategorisiert | 1 CommentIm letzten Blogeintrag habe ich vom „Seelenstriptease“ respektive der Identitätsoffenlegung der User von StudiVZ geschrieben. Dazu habe ich noch einen Blog gefunden. Dort werden sechs verschiedene Profile und der offenherzige Umgang mit den Daten ihrer Urheber beschrieben. In diesem Eintrag gehe ich auf die möglichen Gründe diesbezüglich ein. Dazu habe ich einen Artikel aus dem Kölner Stadtanzeiger, einen Blogeintrag von Marcel Noe und einen Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Quellenbasis genommen und sie mit meinen eigenen Erfahrungen und Überlegungen ergänzt.
Der erste Schritt zur Offenlegung seiner Daten ist die Anmeldung, die laut dem Blog von Marcel Noe nicht aus dem Verlangen geschehe, seine persönlichen Daten preiszugeben, sondern aus dem Bedürfnis heraus, Informationen über andere Personen zu erfahren. Zum Beispiel, um zu wissen, was die ehemaligen Klassenkollegen tun. Um diese Information zu bekommen, muss man ein eigenes Profil anlegen. In Facebook zum Beispiel, kann man andere Profile nur im Detail anschauen, wenn man ein virtueller Freund derjenigen Person ist.
Wenn das Profil angelegt ist, möchte sich der User natürlich auch positiv selbst darstellen. Dazu muss das eigene Profil entsprechend ausgefüllt und aufgewertet werden, zum Beispiel mit dem besten Foto, das man von sich hat oder mit Fotoalben, in denen man seine Freunde, Party- oder Urlaubserlebnisse präsentiert. Die Partyfotos in StudiVZ zeigen oft das (noch) typische Studentenleben. Oft sind Studenten darauf zu sehen, die sich auf Partys tummeln und sich betrinken. Möchte man damit seine Kommilitonen beeindrucken? Wenn man Glück (oder Pech?) hat, wird man dann noch von anderen verlinkt. Dabei steigt die eigene Popularität mit der Anzahl der Verlinkungen, denn dann zeigt sich, dass man zu vielen Partys eingeladen wird und dass man dementsprechend viele Freunde hat.
„Freunde“ sind dann auch das Kapital in StudiVZ und diese schafft man sich nur, wenn man ein möglichst vollständiges Profil hat und sich möglichst gut selbst darstellt. „Anders als im wirklichen Leben kann man im Internet gleich mehrere hundert Freunde haben“, schreibt dazu Felicitas von Lovenberg in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieses Buhlen um Freundschaften sei „eine neue, höchst sachliche Form von Sammelleidenschaft“. Laut Psychologen sei dies auch oft der „Kompensationsversuch einer massiven sozialen Unsicherheit im realen Leben“.
In einem sozialen Netzwerk ist es auch viel einfacher und kostengünstiger, sich zu präsentieren als auf einer Homepage und weniger aufwändig als in einem Blog, denn dort muss man ja regelmässig etwas schreiben, sonst wird man bald uninteressant und erscheint auch nicht auf den Blogplattformen wie Technorati, die die aktuellsten Einträge auflisten. Früher musste man schon ins Fernsehen, zum Beispiel in eine Castingshow oder in eine Reality Show gehen, um sich einem grossen Publikum zu präsentieren und die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Heute reicht ein Profil auf MySpace, um sich zum Beispiel als Nachwuchskünstler zu präsentieren. Die anderen Nutzer müssen dieses Profil aber zuerst entdecken und die Künstler weiterempfehlen und es braucht noch die Aufmerksamkeit der anderen Medien, um dann wirklich berühmt zu werden.
Ein weiterer Grund für die Tatsache, dass viele so privates im Netz erzählen, ist laut dem Sozialpsychologen und Medienforscher Bernard Batinic, dass es alle machen. Es ist also eine Art Gruppendynamik der kollektiven Enthemmung. Er sagt dazu: „Wir geben an, was andere auch angeben.“ Weil es andere auch tun, sind wir nicht mehr gehemmt, zum Beispiel unseren richtigen Namen, unser Geburtsdatum, unsere politische Einstellung und unseren Beziehungsstand anzugeben. „Wie intim manches ist, merkt man erst, wenn man sich bewusst macht, wie gehemmt man eigentlich mit fremden Menschen im realen Leben umgeht.“ Batinic begründet dies weiter damit, dass es im Internet keine Statusmerkmale gäbe: „Jeder User scheint gleich zu sein, Doktortitel, Anzug und Krawatte, Alter oder Grösse sieht man nicht, dadurch ist die Kommunikation erleichtert.“ Im StudiVZ scheint der Status, meiner Meinung nach, aber doch wichtig zu sein. Kann sich ein Medizinstudent nicht mehr mit seinem Studienfach brüsten, als jemand, der zum Beispiel Theologie studiert?
Der Seelenstriptease der User in den Sozialen Netzwerken geschieht also nicht einfach aus blossem Unwissen der Konsequenzen, sondern ist weitgehend psychologisch begründet.
Im nächsten Blogeintrag gehe ich auf die Problematiken und Gefahren des freizügigen Umgangs mit seinen persönlichen Daten ein.
1 Kommentar »
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Salut Annet
Ich habe bei mir ebenfalls festgestellt, dass ich im Internet viel mehr über mich selbst preis gebe, als das im alltäglichen Real Life geschieht. Zwar nicht in solchen Sozialen Netzwerken wie in StudiVZ sondern eher in Online Games die ich hin und wieder spiele und da mit bestimmten Personen die ich länger kenne und mit denen ich des öftern diskutiere. Gründe, dass ich im Internet offener bin als im RL sind, dass der Abstand zueinander grösser ist. Kaum einer von diesen Leuten kennt mich wie ich in Wirklichkeit bin, und falls die Person Dinge die ich erzählt habe weitergibt, juckt mich das nicht besonders, weil ich mit den andern Personen nicht wirklich in Verbindung bin. Ich kann mich zum Beispiel von einem Tag auf den andern aus dem Spiel zurückziehen ohne Angst haben zu müssen diesen Personen im RL zu begegnen und dabei an eventuell peinliche Dinge die ich offengelegt habe, erinnert zu werden.
Kommentar von thoeni — 20.April 2008 #